Um Deutschlands neue Kultur

(aus dem Schlusswort zur Gründungs-Kundgebung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutxschlands für die Provinz Sachsen, gehalten am 14.10.1945 in Halle (Saale))

Ich möchte im Schlusswort davon sprechen, wie wir Kulturschaffenden, die Maler und Bildhauer, die Musiker, die Schauspieler und Sprecher, die wissenschaftlichen Arbeiter und wer sonst zu uns gehört, zu den hohen Aufgaben des Kulturbundes stehen.

Für den Liebhaber kommt die Stunde der Bewährung, wenn das geliebte Wesen in Not ist. Dann zeigt sich, ob zur Liebe, die ja immer auch sich selbst meint, noch andere Kräfte treten, die Kräfte des Mutes und des Vertrauens, der Wille und die Tat. Für die kulturschaffenden Menschen ist die Stunde der Bewährung jetzt gekommen, wo wir trotz allem Mut und Vertrauen bewahren müssen; jetzt wird es sich zeigen, (…) ob wir wirklich Kräfte in uns haben, ob wir es fertigbringen, Licht in die Finsternis zu tragen. In die Finsternis, die die Trümmer bedeckt und die trauernden Seelen umhüllt. Die Herzen sind müde und beladen, sie leiden bei ehrlichen Menschen unter dem Gefühl der Schuld oder wenigstens der Mitschuld, und der rechnende Verstand neigt zur Skepsis nach so vielen Irrgängen, an denen wir selbst beteiligt waren. Der Verstand blickt in unsere deutsche Welt durch ein Gitter furchtbarer Zahlen, die eine erschreckende Sprache sprechen, und zur Müdigkeit und Skepsis tritt eine Verwirrung der Geister ohnegleichen, weil wir Propaganda gehabt haben anstatt Kultur, weil die Irrlehre der Rassentheorie und die Irrlehre vom Herrenvolk naturgemäß noch nachwirken, weil sie die einfachen sittlichen Grundbegriffe verdrängt haben. (…)

Ich bitte darum, dass ich hier einmal ein offenes Wort sprechen darf über den Standpunkt des sogenannten „Intellektuellen“. Wir (Intellektuellen) bitten darum, dass wir als ehrliche Arbeiter anerkannt werden, wenn wir uns ehrlich für die Gemeinschaft einsetzen. Es ist wohl der größte Schmerz, den wir oft erleben, wenn uns bei gutem Willen das Misstrauen entgegenkommt und das, was wir tun wollen, versengt. Wir wollen hinein in die Gemeinschaft, wir werden uns ganz einfügen! Wir werden auch unseren Platz finden, wenn wir es wirklich im Sinne eines freien Menschentums tun. Ich möchte hier nochmals unterstreichen: (…) Wir bekennen uns auch zur Intoleranz gegen die Intoleranz. In der Weimarer Zeit haben wir einen sehr großen Irrtum begangen. Wir haben den Chauvinismus geduldet und haben ihn sogar staatlich geschützt in seinen Äußerungen aus einem falschen formalistischen Prinzip heraus. Das ist unsere Schuld gewesen, das darf nicht wiederholt werden. Wir müssen intolerant sein gegen die Intoleranten. Das ist kein Verrat an der Freiheit, die Freiheit hat mit formalistischer Auffassung nichts zu tun, sie liegt viel tiefer. In diesem Sinne möchte ich als Losung für unsere Arbeit sagen: einfach und frei!

(…) Es ist schon gesagt worden, man kann Kultur nicht machen, man kann sie nicht organisieren, sie muss wachsen. Aber man kann das Wachstum fördern und dafür sorgen, dass die Jugend ohne die Belastungen groß wird, die uns noch bedrücken, von denen wir vielleicht nie ganz freikommen werden. Ich muss unseren Freunden, die schon älter sind, und die aus der bürgerlichen Welt kommen, noch einiges sagen. Bei Kulturdingen hilft nur, dass man ganz offen ist. Es gibt ein Märchen, da ist die Rede von eisernen Ringen, die einer ums Herz hat. Wer aus dieser sogenannten bürgerlichen Welt kommt, der hat viele traditionelle Fesseln um sich, die andere, die aus der sogenannten anderen Welt (ich nehme die Gegensätze nicht absolut) kommen, nicht haben. Das sind die eisernen Ringe der Tradition. Nun hat uns der Krieg vorgearbeitet, indem er viele äußere Dinge beseitigte. Die Armut, in der wir leben und leben werden, wird uns dazu verhelfen, dass die eisernen Ringe der Tradition leichter abgestreift werden. Und doch ist uns manchmal recht eng ums Herz, mancher eiserne Ring, der um die Herzen liegt, muss noch abspringen.

Das wollte ich Ihnen ganz schlicht sagen von dem großen Reichtum, den wir trotz allem haben und von unserer Bereitschaft, diesen Reichtum lebendig zu machen. (…)

 

Birke

(aus dem Nachlass)

Kleine Birke
Leise sich wiegt,
Grüngoldne Zweige
Im Winde biegt.
 
Leichtes Wehen
Im Laubgehänge,
Fernhin verwehen
Zarte Gesänge.
 
Fernher schimmert
Vergangene Stunde
Um ein Lächeln
Von deinem Munde.

 

 

Abschied

(aus dem Nachlass)

Von jeder vollen, süßen Stunde,
Randvoll von hellem Lebenswein,
Soll frei der Abschied, soll vom Munde
Mit leichter Hand das Glas genommen sein.
 
Mit zartem Kusse, leicht geschieden,
Sollst du vom Glück dich leicht befrein,
In  jedem Aabschied soll der Friede
Von deinem letzten, leisen Atem sein.

 

 

Die törichte, liebe Kleinstadt

(aus: Die Glocknerfahrt, 1941)

Die 1941 veröffentlichte heitere Erzählung „Die Glocknerfahrt“ spielt nach dem I. Weltkrieg. Die Hauptperson Gerhard Faber tritt mit den folgenden, an seine Heimatstadt Merseburg gerichteten Worten in die Handlung ein:

Ein Jahr wiegt mehr als hundert, dachte Gerhard Faber, als er auf dem Bahnsteig der Heimatstadt sich die Siebensachen von Kameraden aus dem Abteil reichen ließ. Es war viel, sehr viel geschehen in diesen zwölf Monaten, und der Wachtmeister Faber war redlich dabei gewesen. Er tat sich nichts darauf zugute, es war selbstverständlich wie ein Naturereignis. Aus viereinhalb Kriegsjahren waren für ihn nun fünfeinhalb geworden, und die polnische Kugel war ihm eine Handbreit höher in das Bein gefahren als damals die russische. Er zog den Fuß noch etwas nach beim Gehen, und sie hatten ihn entlassen; er sollte wieder auf seinen Arbeitsplatz in der Industrie zurück. Es war ihm wunderlich zumute, wieder Doktor zu heißen und über statistische Tabellen wachen zu sollen. Lieber wäre er zu Bimbo zurückgekehrt als zu den scheußlichen, gelben Büromöbeln. Bimbo, sein Pferd, war ein lustiger Kerl und guter Freund des kleinen Wachtmeisters gewesen, der ja auch nicht schwer zu tragen war.

Nun, ein Soldat nimmt hin, was befohlen wird, und Faber lachte sogar ein bisschen, als er jetzt die derben, heimatlichen Laute wieder ringsum hörte, und dann schnupperte er wie ein Jagdhund. Da war auch der scharfe, brenzliche Geruch von dem großen chemischen Werk vor den Toren der Stadt. Südwind! Das im Norden gelegene Werk hatte einen anderen Gestank, einen süßlich-scharfen, und es war eine heimliche Augenbeize dabei.

Faber lachte verschmitzt und rief sich zur Ordnung. Als Angestellter des südlichen, brenzlich riechenden, zuweilen auch noch angenehmer nach Schwefelwasserstoff duftenden Werkes durfte er auf keinen Fall zugeben, dass durch die chemische Industrie die Luft verdorben würde. Das war nicht zünftig, Doktor Faber, wenn du auch nur eine Zahlenstube mit einer kleinen Armee von bunten Karteikarten regierst. Aber es stank eben doch, und man sah nicht nach der Wetterfahne der alten Stadt, die zwischen den großen Werken eingeklemmt war, man schnupperte nur am Fenster und wusste: Nordwest oder Südost. Doktor Faber hatte seine Nasenwetterfahne sogar noch verfeinert und konnte Südsüdost und Südost unterscheiden, denn er hatte die Werke seit zwei Jahrzehnten mit aufbauen sehen und wusste, wo die Drachenschlünde lagen, aus denen die Gase strömten. Aber er kannte auch jeden Pflasterstein der Altstadt.

Gewohnt, einsam zu leben, liebte Faber die Selbstgespräche, und so redete er mitten im Bahnhofsgewimmel die Heimat an: „Ein Jahr wiegt mehr als hundert, doch du bist hoffentlich unverändert, altes Nest! Die Autofahrer und Geschwindigkeitsanbeter nennen dich ein verbautes Verkehrshindernis. Aber du hütest hinter all deinen Spießbürgereien alte Kronen und verwitterte, uralte Pergamente mit geheimnisvollen, tiefen Worten, du liebes Verkehrshindernis!“

Er hatte noch mehr gute Worte auf dem Herzen, doch es glitt ein Schatten darüber hin, ein farbiger Schatten. …

 

 

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