Abschied

(aus dem Nachlass)

Von jeder vollen, süßen Stunde,
Randvoll von hellem Lebenswein,
Soll frei der Abschied, soll vom Munde
Mit leichter Hand das Glas genommen sein.
 
Mit zartem Kusse, leicht geschieden,
Sollst du vom Glück dich leicht befrein,
In  jedem Aabschied soll der Friede
Von deinem letzten, leisen Atem sein.
 

 

 

Die törichte, liebe Kleinstadt

(aus: Die Glocknerfahrt, 1941)

 

Die 1941 veröffentlichte heitere Erzählung „Die Glocknerfahrt“ spielt nach dem I. Weltkrieg. Die Hauptperson Gerhard Faber tritt mit den folgenden, an seine Heimatstadt Merseburg gerichteten Worten in die Handlung ein:

Ein Jahr wiegt mehr als hundert, dachte Gerhard Faber, als er auf dem Bahnsteig der Heimatstadt sich die Siebensachen von Kameraden aus dem Abteil reichen ließ. Es war viel, sehr viel geschehen in diesen zwölf Monaten, und der Wachtmeister Faber war redlich dabei gewesen. Er tat sich nichts darauf zugute, es war selbstverständlich wie ein Naturereignis. Aus viereinhalb Kriegsjahren waren für ihn nun fünfeinhalb geworden, und die polnische Kugel war ihm eine Handbreit höher in das Bein gefahren als damals die russische. Er zog den Fuß noch etwas nach beim Gehen, und sie hatten ihn entlassen; er sollte wieder auf seinen Arbeitsplatz in der Industrie zurück. Es war ihm wunderlich zumute, wieder Doktor zu heißen und über statistische Tabellen wachen zu sollen. Lieber wäre er zu Bimbo zurückgekehrt als zu den scheußlichen, gelben Büromöbeln. Bimbo, sein Pferd, war ein lustiger Kerl und guter Freund des kleinen Wachtmeisters gewesen, der ja auch nicht schwer zu tragen war.

Nun, ein Soldat nimmt hin, was befohlen wird, und Faber lachte sogar ein bisschen, als er jetzt die derben, heimatlichen Laute wieder ringsum hörte, und dann schnupperte er wie ein Jagdhund. Da war auch der scharfe, brenzliche Geruch von dem großen chemischen Werk vor den Toren der Stadt. Südwind! Das im Norden gelegene Werk hatte einen anderen Gestank, einen süßlich-scharfen, und es war eine heimliche Augenbeize dabei.

Faber lachte verschmitzt und rief sich zur Ordnung. Als Angestellter des südlichen, brenzlich riechenden, zuweilen auch noch angenehmer nach Schwefelwasserstoff duftenden Werkes durfte er auf keinen Fall zugeben, dass durch die chemische Industrie die Luft verdorben würde. Das war nicht zünftig, Doktor Faber, wenn du auch nur eine Zahlenstube mit einer kleinen Armee von bunten Karteikarten regierst. Aber es stank eben doch, und man sah nicht nach der Wetterfahne der alten Stadt, die zwischen den großen Werken eingeklemmt war, man schnupperte nur am Fenster und wusste: Nordwest oder Südost. Doktor Faber hatte seine Nasenwetterfahne sogar noch verfeinert und konnte Südsüdost und Südost unterscheiden, denn er hatte die Werke seit zwei Jahrzehnten mit aufbauen sehen und wusste, wo die Drachenschlünde lagen, aus denen die Gase strömten. Aber er kannte auch jeden Pflasterstein der Altstadt.

Gewohnt, einsam zu leben, liebte Faber die Selbstgespräche, und so redete er mitten im Bahnhofsgewimmel die Heimat an: „Ein Jahr wiegt mehr als hundert, doch du bist hoffentlich unverändert, altes Nest! Die Autofahrer und Geschwindigkeitsanbeter nennen dich ein verbautes Verkehrshindernis. Aber du hütest hinter all deinen Spießbürgereien alte Kronen und verwitterte, uralte Pergamente mit geheimnisvollen, tiefen Worten, du liebes Verkehrshindernis!“

Er hatte noch mehr gute Worte auf dem Herzen, doch es glitt ein Schatten darüber hin, ein farbiger Schatten. …

 

 

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